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Kapitel 3.3

 

Kapitel 3.3: Was sind (wissenschaftliche) Tatsachen?

Der beste Gottesbeweis nutzt nichts,

wenn er nicht geglaubt wird." *60

Die Angemessenheit bestimmter wissenschaftlicher Methoden läßt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutieren: Man kann nach den "erkenntnisleitenden Interessen" fragen (HABERMAS, 1973), damit zusammenhängend nach der "Relevanz" (HOLZKAMP, 1972), man kann die Vereinbarkeit mit bestimmten als evident angesehenen "Grundsätzen a priori" (wie z. B. den Regeln der Logik) prüfen oder die "Fruchtbarkeit" für die Erweiterung unseres Wissens über die Welt (FEYERABEND 1979) usw.

Die Ansicht, Wissenschaft solle möglichst "theoriefrei" beschreiben und erklären, "was ist", muß heute als naiv bezeichnet werden. Es gibt keine wissenschaftlichen Tatsachen ohne Theorie; es gibt keine Theorie ohne "zentrale metaphysische Annahmen". Es ist also eine nicht-triviale Frage zu bestimmen, was denn überhaupt als Tatsache angesehen werden soll, anders ausgedrückt, zu entscheiden, wann wir sagen wollen, daß etwas (ein Ding, ein Zusammenhang, ein Vorgang) existiert. Und dies gilt sogar in der Physik *61.

Es ist eine Sache, das methodische Postulat aufzustellen, in der Physik nur solche Größen zuzulassen, die meßbar sind, wie EINSTEIN dies getan hat. Es ist eine andere Sache, zu behaupten: "Was nicht meßbar ist, existiert nicht". In der Psychologie stellt sich dieses Problem besonders drängend *62.

Der Operationalismus ist, besonders in seiner "trivialen" Form (siehe Anm. 47), ein Kunstgriff, um die allzu schwierige Frage, was denn in der Psychologie als Tatsache akzeptiert werden soll, vorläufig zu beantworten, ohne jedoch die darin liegende Problematik wirklich gelöst zu haben. Die Rigidität, mit der man in den Sozialwissenschaften auf Quantifizierbarkeit und operationalen Definitionen besteht, erinnert an das im Neuen Testament beschriebene Verhalten der Pharisäer bezüglich der Gesetze: Sie befolgen den "Buchstaben des Gesetzes" und höhlen seinen Sinn dabei aus.

Denn, was ist der Sinn dieses Vorgehens? Warum sind denn überhaupt Quantifikation und operationale Definitionen so wichtig?

Ein wesentlicher Aspekt ist z. B. der, daß damit Objektivität erreicht werden soll. Es sollen "metaphysische Spekulationen" aus den Wissenschaften verbannt werden *63. Wie aber kann man dies gewährleisten, wenn man eine Variable durch ein Experten-Urteil operationalisiert, wie dies, nolens-volens, in vielen Fällen üblich ist? Man weiß doch gar nichts über das Zustandekommen dieses Experten-Urteils. In dieses Urteil kann sehr viel sog. "metaphysische Spekulation" eingeflossen sein - und wird es nach aller Erfahrung auch. Man hat in einem solchen Fall also der Forderung nach Operationalisierung formal genüge getan, den Sinn dieser Forderung jedoch umgangen - zumindest gewährleistet die oben erwähnte Bestimmung des Begriffs Operationalisierung nicht automatisch die Erfüllung des Sinns dieser Forderung.

Ähnlich wie ich bei der "Quantifikation" fragen muß, ob ich die Bedeutungsunterschiede entlang meiner Dimension sinnvoll durch Unterschiede zwischen Zahlen ausdrücken kann (s. Anm. 76) muß ich mich bei der "operationalen Definition" fragen, wie umfassend die Dimension durch die operationale Definition erfaßt wird, denn: "No operational definition can ever express all of a variable." (KERLINGER 1973, 32) Wie aber will ich dies ohne "metaphysische Spekulation" entscheiden?

Natürlich kann man "willkürlich" beginnen: "Intelligenz ist das, was mein Intelligenztest mißt - und die 'Bedeutung' des Wortes Intelligenz erhellt z. B. daraus, daß die so definierte Intelligenz mit der Schulleistung hoch korreliert." Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts einzuwenden, und sie ist sicher für bestimmte Anwendungen auch sehr nützlich. Aber hilft mir dieses Vorgehen weiter, wenn ich mir die Frage stelle, ob eine bestimmte operationale Definition von Angst das erfaßt, was ich empfinde, wenn ich Angst spüre? Hilft mir ein solches Vorgehen also weiter bei der Frage der Angemessenheit meiner Operationalisierung inbezug auf die Angst, die ich eigentlich untersuchen wollte, nicht etwa die Angst, die ich erst durch eine operationale Definition neu "erfinde"? (siehe auch ANGLEITNER 1975) - Wenn ich wirklich "willkürlich" beginne, dann hilft dies Vorgehen deshalb nicht weiter, weil die Frage dabei erst gar nicht gestellt wird. Statt dessen werden funktionale Beziehungen zwischen operational definierten Größen untersucht, deren Bedeutung für das Leben der Menschen fraglich bleibt (siehe auch HOLZKAMP 1972). Beginne ich jedoch nicht "willkürlich", frage mich also nach der Angemessenheit meiner Operationalisierung, dann muß ich mich fragen, was denn die Angst "eigentlich genau ist", die ich empfinde - und schon bin ich wieder bei "metaphysischer Spekulation".

Wenn von Quantifizierbarkeit und operationaler Definition die Rede ist, so ist meist aber noch ein anderer Aspekt gemeint, der für unseren Zusammenhang der eigentlich entscheidende ist, der nach WIGGINS (1973, 123) aber nicht mit Quantifizierbarkeit verwechselt werden sollte: WIGGINS unterscheidet Messungen, "which rely on human judgment ... and those which do not", und nennt sie entsprechend "judgmental" und "mechanical measurement". Es leuchtet ein, daß ein "mechanical measurement" vollständig fast nie möglich ist - es sei denn, ein Computer übernehme automatisiert auch die Auswertung einer Messung. Es ist mehr eine Frage des Ausmaßes: vom Ablesen einer Zeigerstellung über die Einordnung einer Verhaltenssequenz in ein vorgegebenes Schema bis hin zur Zuschreibung einer bestimmten Diagnose durch einen Experten.

Je elementarer die Entscheidungsprozesse, je weniger "subjektive Interpretation" eines Menschen notwendig ist, desto mehr haben wir es mit einem "mechanical measurement" zu tun, um so mehr ist dann auch der Meßprozeß objektivierbar. Objektivität der Messung bzw. Quantifizierung kann man also u.a. dadurch zu erreichen versuchen, daß man den Prozeß der Messung "in Teile zerlege", so daß die einzelnen Bestandteile möglichst wenig Interpretation enthalten, und deshalb erwartet werden kann, daß potentiell jeder Mensch bei der Messung zum gleichen Resultat kommt. Da es hier wiederum einen Ermessensspielraum gibt - wann sind die einzelnen "Teil-Messungen" klein genug -, wird umgekehrt der Grad der Übereinstimmung verschiedener Beurteiler als Maß für die Objektivität und Verläßlichkeit der Messung herangezogen (WIGGINS 1973, 125ff).

Auf diese Weise gerät man jedoch in einen Zirkel: Wenn eine hohe Übereinstimmung von Beurteilern ein Maß für die Objektivität der Beurteilung ist, dann kann man also durchaus auch Experten-Urteile heranziehen, sofern die Experten sich hinreichend einig sind. Unter diesen Voraussetzungen wäre "Vom-Teufel-Besessen-Sein" im Mittelalter ein objektives Faktum gewesen, denn die Experten waren sich dort sehr weitgehend einig. Und im Prinzip ist jede, auch die kleinste Beurteilung ein "kleines" Experten-Urteil, denn die Beurteiler müssen immer in ihre Aufgabe "eingeübt" werden *64. Die Experten im Mittelalter konnten sehr genau erklären, woran man erkennt, daß jemand vom Teufel besessen ist, und sie konnten es auch plausibel begründen, da niemand daran zweifelte, daß es einen Teufel gibt.

Eine Übereinstimmung der Urteile mehrerer Beurteiler gewährleistet also nur innerhalb eines Rahmens, der durch nicht weiter hinterfragte Grundüberzeugungen abgesteckt wird, ein gewisses Maß an Sicherheit. Im Prinzip wird dadurch nur ausgesagt, daß bestimmte Regeln der Urteilsfindung, in immer gleicher Weise angewendet, zu dem immer gleichen Resultat führen. Es sagt nichts über die Angemessenheit dieser Regeln aus. Im Gegenteil: Man muß die Angemessenheit voraussetzen oder durch Argumente plausibel machen.

Die Krux quantitativ statistischer Methoden liegt also nicht in der Statistik: Sie liegt in den Problemen einer angemessenen Quantifizierung. Wenn die Abbildung auf Zahlen die Verhältnisse nur rudimentär widerspiegelt, wie soll dann bei der mathematischen Weiterverarbeitung dieser Zahlen mehr als ein "holzschnitt-artiges Bild" herauskommen? Und wenn man aus dieser Einsicht eine sinnvolle Forderung ableiten kann, dann sicher nicht die, daß operationale Definition und Quantifizierung unabdingbare Voraussetzungen wissenschaftlichen Arbeitens sind, denn damit wird der Blick in die falsche Richtung gelenkt. Richtig ist die Forderung, bei jeder Quantifizierung sorgfältig zu prüfen, ob die zugeordneten Zahlen die Bedeutungsunterschiede, die man erfassen will, angemessen repräsentieren. (Siehe auch LOCKOWANDT 1984)

So sehr der Versuch verständlich und lohnenswert ist, psychologisch relevante Dimensionen in einer Weise zu definieren, daß bestimmte Prozeduren, die in den Naturwissenschaften so erfolgreich waren, darauf angewendet werden können, so sehr bedürfen wir gerade in der Psychologie der Weisheit eines NEWTON, oder zumindest seiner Zurückhaltung, aus mehr oder weniger nützlichen methodischen Abstraktionen nicht umfassende Aussagen über die Existenz bzw. Nicht-Existenz von Sachverhalten abzuleiten.

 

 

 

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