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Kapitel 4.2

 

Kapitel 4.2: Das Erkennen von Wesenszügen eines Menschen

 

Als quantitativ-statistisch war die Methode zur Überprüfung des vom Astrologen entworfenen "Struktur-Bildes" bezeichnet worden, bei der dieses Bild so in Einzelaussagen zerlegt wird, daß in der Entscheidung über deren Zutreffen oder Nicht-Zutreffen möglichst wenig subjektive Interpretation enthalten ist, daß wir uns also dem "mechanical measurement" im Sinne von WIGGINS möglichst weit annähern.

Unabhängig von der Frage, ob eine sinnvolle Zerlegung in jedem Fall zu gewährleisten ist *84: Woran will man diese Einzelaussagen überprüfen? Was soll als Kriterium dafür dienen, daß sie stimmen? Es gibt zwei Möglichkeiten: Das Kriterium ist die Zustimmung des Betroffenen selbst oder es gibt einen Weg, Einzelaspekte der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen objektiv zu messen.

Wenn man die Zustimmung des Betroffenen zum Kriterium wählt, dann ist für die Objektivität der Messung nichts gewonnen. Der einzige Vorteil dieses Vorgehens besteht dann darin, daß ein Urteil über Einzelaussagen möglicherweise verläßlicher ist, da einfache Sachverhalte leichter zu überblicken sind. Auch in der Mathematik schreitet man ja von einfachen, leicht akzeptierbaren - oder gar "unmittelbar einsichtigen" - Grundannahmen, den Axiomen, weiter zu komplizierten Zusammenhängen, deren Ableitbarkeit aus den Axiomen nicht ohne weiteres im Ganzen zu überblicken ist, Schritt für Schritt jedoch nachvollzogen werden kann.

Die Möglichkeit nun, Einzelaspekte der Persönlichkeit eines Menschen objektiv zu messen, wird von vielen Wissenschaftlern entschieden bestritten. Es handelt sich um einen alten Streit, mit unterschiedlicher Akzentuierung in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder neu ausgefochten (HÜBNER 1978, 304ff), z. B. als Unterschied zwischen Erklären und Verstehen bei DILTHEY *85 oder bei JASPERS *86, zur Verteidigung der Psychoanalyse bei FROMM (siehe Anm. 71), in der Kommunikationstheorie (WATZLAWIK, 1984), innerhalb der sog. "akademischen Psychologie" vor allem im Zusammenhang mit der Diskussion um die Frage der Angemessenheit der Axiome der klassischen Testtheorie (HILKE 1980, siehe auch Anm. 90) usw. Wir können nicht umhin, das Für und Wider auch hier zu diskutieren, wenn wir klären wollen, welchen Stellenwert das von Astrologen und ihren Klienten als Basis ihrer Überzeugung immer wieder angeführte "Evidenz-Erlebnis" für die Beurteilung der Astrologie haben kann.

Auch wenn wir Wesensmerkmale eines Menschen wahrnehmen und beurteilen, gehen wir nicht "atomistisch" vor, auch hier sehen wir "Gestalten": Wir verbinden eine Vielzahl vereinzelter Eindrücke zu einer Struktur, vergleichen diese Struktur mit einer "Idee" und bilden so unser Urteil: freundlich, intelligent, geizig, angepaßt usw. *87 Sind nun solche "Gestalten" der Wahrnehmung aus kleineren Einheiten zusammensetzbar, und zwar so, daß in der Identifikation dieser kleineren Einheiten weniger "Interpretation" steckt als in der Identifikation der Gestalt als Ganzer?

Offensichtlich versuchen z. B. Persönlichkeitsfragebogen, solche "Gestalten" als Summe elementarer Bestandteile zu definieren. Extravertiert-Sein wird beim Freiburger Persönlichkeits-Inventar (FPI) übersetzt als eine Summe von Verhaltensweisen: Abends gerne ausgehen, schnell Freundschaften schließen, sich gern unterhalten, lieber in einer Großstadt als in einem Dorf wohnen usw. (FAHRENBERG/SELG/HAMPEL 1978) Dieses Vorgehen macht auch Sinn. Wenn ich jemandem erzähle: "Mein Bekannter hat noch nie einen Drink spendiert, er gibt grundsätzlich kein Trinkgeld, er schenkt nicht gern, er gibt seinen Kindern wenig Taschengeld und er läßt sich kleine Gefälligkeiten von seiner Mutter bezahlen", so verbindet er diese Einzelinformationen wahrscheinlich sehr schnell zu der "Gestalt": geiziges Verhalten.

Andererseits wird diese Gestalt, wie bei einem Vexier-Bild, vielleicht in eine völlig andere Gestalt "umschlagen", wenn ich die Zusatz-Information gebe, daß mein Bekannter seit Jahren arbeitslos ist. Plötzlich erscheinen die einzelnen Aussagen über ihn "in einem anderen Licht". Je nach Verfassung des Beurteilers, z. B. auch seiner Fähigkeit, sich in die Situation eines arbeitslosen Familienvaters einzufühlen, seinen Wertvorstellungen bezüglich des Umgangs mit der eigenen Mutter usw., wird dieses Vexier-Bild zwischen den beiden Polen "Geizhals" und "Armer Kerl" möglicherweise hin- und herspringen *88. Wie schwierig es sein dürfte, "Gestalten" dieser Art durch Summation von Einzelelementen zusammenzusetzen, zeigt auch das Beispiel "falsche Freundlichkeit": Alle "benennbaren" Merkmale der Freundlichkeit sind vorhanden, und doch haben wir das Gefühl, daß etwas nicht stimmt.

Auch die Frage, ob die Einzelentscheidungen (die Beantwortung der einzelnen Items des Fragebogens) weniger "Interpretation" enthalten als ein denkbares Urteil ("ich bin ein extravertierter Mensch"), muß eher verneint werden. Die Entscheidung darüber, ob ich abends gerne ausgehe oder mich gern mit Freunden unterhalte, ist subjektiv und bei näherem Hinsehen zudem ähnlich komplex wie die Frage, ob ich eher extravertiert bin: Immer wieder weigern sich Klienten, einen solchen Fragebogen auszufüllen, weil sie die Fragen nicht mit "Ja" oder "Nein", manchmal nichteinmal mit "häufiger" oder "eher selten" beantworten können. "Es kommt ganz auf die Situation an", sagen sie, "ein 'Ja' in bezug auf die eine Situation bedeutet etwas ganz anderes als ein 'Ja' in bezug auf eine andere Situation."

Statt einen Fragebogen auszugeben könnte man also jemandem erklären, was Extraversion heißt und ihn dann bitten, sich bezüglich dieser Dimension selbst einzuordnen (siehe auch SCHADE, 1983, 15). Der Fragebogen ist eine Übersetzung der Erklärung. Er hat vielleicht den Vorteil, daß er die Urteilsbildung bei Menschen, die abstrakte Konzepte schwer verstehen, strukturiert. Dies wird aber erkauft mit dem Nachteil, daß eine Gestaltbildung verhindert wird (siehe das Beispiel "Geizhals"). Eine Objektivierung der Messung kann man jedenfalls von einem Fragebogen nicht erwarten *89. Diese Art der "Messung" ist in Wirklichkeit eine Variante der ersten der zwei aufgeführten Möglichkeiten: Das Kriterium ist die Zustimmung des Betroffenen selbst. Und es ist zumindest fraglich, ob eine "Zerlegung" der Gestalten - und als solche sind Wesenszüge eines Menschen uns gegeben -, durch einen Persönlichkeitsfragebogen möglich ist.

Ist dies nun nur ein Mangel dieses speziellen Meßinstruments oder ist die Schwierigkeit prinzipieller Natur?

Bei den bisherigen Erörterungen wurde ein wesentlicher Unterschied zunächst unbeachtet gelassen: Wenn man für Wesenszüge eines Menschen das Wort Gestalt benützt, dann muß man bedenken, daß diese uns ja nicht in der gleichen Art gegeben sind wie z. B. ein Gesicht. Ein Gesicht ist ein physisches "Ding" mit einer bestimmten Form. Aus diesem Grunde ist es auch der Messung durch technische Instrumente zugänglich. Wesenszüge eines Menschen sind etwas anderes.

Man kann sagen, es sind "hypothetische Konstrukte", weil sie nicht direkt beobachtbar sind und aus Verhaltensweisen erschlossen werden müssen (s. Anm. 87). In einem strengen Sinne sind jedoch sogar die Begriffe, die unmittelbare Sinneswahrnehmungen zu bezeichnen scheinen, "hypothetische Konstrukte", wie durch die Gestaltpsychologie gezeigt wurde. Es gibt keine "unvermittelte" Wahrnehmung der Realität. Jede sinnliche Wahrnehmung enthält bereits "Interpretationen". Aus diesem Grunde trifft die Bezeichnung "hypothetisches Konstrukt" nicht den Kern des Unterschieds.

Wesenszüge sind "Formungs-Prinzipien", Strukturierungs-Gesetze, Schemata. Sie drücken sich aus in "Tendenzen": zum Annehmen bestimmter Formen, zur Verwirklichung bestimmter Verlaufsgestalten. Sie drücken ein "Geneigt-Sein" aus (Disposition), zu bestimmten Gefühlen, zu individuellen Strukturierungen von Sinnesreizen und Informationen, zu bestimmten Reaktionen-Mustern usw. In der Analogie zur Datenverarbeitung würde man sagen: Wesenszüge sind die Programme. Und die Programme eines Computers kann man nicht in der gleichen Weise "identifizieren" wie seine materielle Gestalt.

Die Vorstellung, Wesenszüge (Persönlichkeitsmerkmale) eines Menschen zu "messen", geht implizit von einem Modell der menschlichen Psyche aus, demzufolge sie eine Art "Objekt" ist, dessen "Eigenschaften" man "mißt" *90, wie sich besonders deutlich an den Axiomen der klassischen Testtheorie demonstrieren läßt *91. Ich würde dies eine Reifikation nennen (siehe Anm. 72), die auch der Common-Sense-Vorstellung von Wesenszügen entspricht *92. Nun ist ein Programm, um in diesem Bild zu bleiben, auch ein "Objekt" (ein Gegenstand meiner Erkenntnis), doch wird man die "Eigenschaften" dieses Objekts genausowenig durch "Messung" festzustellen suchen, wie ein Mathematiker die "Eigenschaften" der natürlichen Zahlen "messen" wird.

Wenn diese Analogie den Sachverhalt trifft, dann wird verständlich, warum jeder Versuch, "von außen", ohne Introspektion zu einer angemessenen Beschreibung der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen zu gelangen, zum Scheitern verurteilt sein muß: Nehmen wir an, jemand beobachte eine Uhr. Aufgrund des "Verhaltens" dieser Uhr kann er eine Theorie darüber entwickeln, wie sie strukturiert ist (z. B. die Theorie eines mechanischen Uhrwerkes). Diese Theorie wird durch die Daten bestätigt werden. Dennoch kann es eine elektronische Uhr sein *93. Entscheidbar ist dieser Unterschied nur durch "subjektive Interpretation" des betroffenen Individuums, insofern es seine "Programmierung spürt": Es spürt dem nach, was in seinem Inneren "abläuft".

Durch die Analogie zu einem Programm wird auch anschaulich, warum nur eine ganzheitliche Betrachtung der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen gerecht werden kann: Über das "Verhalten" eines Programmes kann man nur etwas aussagen, wenn man es ganz kennt. Zwar sind komplexe Programme in relativ selbständige Unterprogramme unterteilt, wie auch Wesenszüge eines Menschen relativ eigenständige Sinneinheiten bilden (siehe Anm. 84); doch kann man die Bedeutung dieser Unterprogramme erst dann wirklich einzuschätzen, wenn man weiß, von welchen Stellen des Programms aus sie aufgerufen werden (können), welche Werte aus dem Hauptprogramm in das Unterprogramm übernommen werden usw. Auch ein Programm ist eine "Gestalt".

Es geht an dieser Stelle nicht darum, den Beweis anzutreten, daß das Modell "Programm" zur Beschreibung dessen, was wir intuitiv unter Wesenszügen verstehen, das "Richtige" ist (oder das Angemessenste). Die Zusammenhänge sind wohl wesentlich komplexer: Angemessener wäre die Vorstellung eines Systems, das auch seine Programme selbst verändert, ein System, das "evolviert" (JANTSCH 1979). An dieser Stelle genügt es zu zeigen, daß aus dem durchaus plausiblen Modell des Menschen als "komplexes informationsverarbeitendes System" Folgerungen abgeleitet werden können, die den Zweifel an der "Meßbarkeit" von Wesenszügen des Menschen im Sinne des "mechanical measurement" als sehr gerechtfertigt erscheinen lassen. (Eine Zusammenfassung wichtiger Einwände gegen das Konzept der "Messung" von Persönlichkeitsmerkmalen aus der Sicht der Humanistischen Psychologie gibt LOCKOWANDT 1984)

Man kann also ein Objekt nicht voraussetzungslos "einfach beschreiben, wie es ist", kann "metaphysische Spekulation" aus keiner seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten heraushalten. Wenn man nur versucht, Persönlichkeitsmerkmale "zu messen", dann ist das bereits auch eine Entscheidung darüber, was Persönlichkeitsmerkmale sind: Wenn man sie dabei nämlich in Analogie zu "Programmen" versteht, wird man ganz anders vorgehen (müssen), um sie zu erfassen, als wenn man sie in Analogie zu den physikalischen Eigenschaften eines materiellen Objektes versteht, in Analogie zu einfachen kybernetischen Prozessen (wie dem Regelkreis) oder schließlich als "Prozeß-Charakteristika" eines selbstorganisierenden, evolvierenden Systems Mensch im Sinne von JANTSCH (s.u.).

In jedem Akt der Wahrnehmung sind implizit "Theorien" enthalten: Annahmen über die Struktur des Wahrnehmungsobjektes (die Gesetze der Gestalt-Psychologie) sowie Vorstellungen über das "Wesen" des Objektes - meist ausdrückbar in solchen Analogien. So liegen bekanntlich vielen Modellbildungen der Psychoanalyse energetisch-ökonomische Analogien zugrunde (BECKER 1975, 157). Wenn solche Analogien mit dem Wesen der Sache selbst verwechselt werden, spricht man von Reifikation. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß in jeder Wahrnehmung implizit ein "Modell" enthalten ist, insbesondere natürlich in jeder "Messung". Der Unterschied liegt nicht darin, daß der eine sich an einem "fragwürdigen" Modell orientiert, der andere aber nicht, sondern darin, daß der eine nicht weiß, daß er sich an einem Modell orientiert (oder es nicht wahrhaben will), der andere aber darum weiß, sich der Standpunkt-Gebundenheit seiner Erkenntnisse also bewußt ist.

 

 

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