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Kapitel 4.3

 

Kapitel 4.3: Ein "erkenntnistheoretischer Rahmen" für die Astrologie

 

Was "sieht" der Astrologe, der die Bedeutung des Horoskops bestätigt sieht? Worauf beruht sein Erlebnis der Evidenz, sein Eindruck, daß das Horoskop die Persönlichkeits-Struktur eines Menschen widerspiegelt? Offensichtlich sieht der Astrologe ein "Muster" im Horoskop, und er sieht ein "Muster" im Leben des Klienten - und zwischen diesen beiden "Mustern" sieht er mehr oder minder deutliche Ähnlichkeiten *94.

Wir haben bisher gezeigt, daß die Möglichkeit der Quantifizierung von Wesenszügen eines Menschen keineswegs gewährleistet ist,daß es im Gegenteil plausible Argumente gibt, diese Möglichkeit in Zweifel zu ziehen. Man kann also vermuten: Wenn es überhaupt ein Verfahren geben sollte, mit dessen Hilfe man, unabbhängig von den Äußerungen des betreffenden Individuums, Aussagen über seine Persönlichkeitsstruktur machen kann, dann muß dieses Verfahren dem "Gestalt-Charakter" der Persönlichkeit eines Menschen "kongenial" sein. Damit ist nicht gesagt, daß jedes Verfahren, das diesem Kriterium genügt, auch schon valide ist. Die Bedingung ist, in den Begriffen der Logik ausgedrückt, eine notwendige, keine hinreichende.

Diese notwendige Bedingung erfüllt die Astrologie in hohem Maße. *95 Die Einwände, die gegen die Quantifizierung von Wesenszügen eines Menschen vorgebracht wurden, sind daher analog auch auf die Struktur übertragbar, die diese Wesenszüge abbilden soll: das Horoskop. Es ist zusammengesetzt aus Unterstrukturen, die ihrerseits abgeschlossene Sinngestalten bilden und durch die einzelnen Symbole des Horoskops repräsentiert werden.

Was repräsentieren diese Symbole?

Im zweiten Kapitel wurden sie als Grundprinzipien des Lebendigen schlechthin beschrieben, wie sie eine sinnverstehende, ganzheitlich denkende Biologie (FRANCE 1921) entwickelt hat, "um die vielfältigen Leistungen der Organismen zusammenhängend zu verstehen." (RING 1956, 70) Waren bei FRANCE diese Grundprinzipien noch eher als "Ordnungsgesichtspunkte" zu verstehen, so könnte man sie heute als eine eigene Art von "Naturgesetzen" bezeichnen, die zudem nicht nur lebende Organismen charakterisieren, sondern alle sog. "Systeme" schlechthin:

"Wohl zum ersten Mal in der Geschichte des menschlichen Geistes eröffnet sich ein Ausblick auf eine bisher nicht geahnte Einheit des Weltbildes. Seine obersten Leitprinzipien sind überall die gleichen (Hervorhebung durch den Verfasser), ob es sich nun um unbelebte Naturdinge, um Organismen, um seelische oder schließlich gesellschaftlich geschichtliche Vorgänge handelt ... Es gibt gewisse allgemeine Prinzipien, die für Systeme aller Art gelten, d.h. die aus der Wechselwirkung von Elementen auftreten müssen, so verschieden die zu einem 'System' zusammengefügten 'Elemente' im Einzelfall auch sein mögen." (BERTALANFFY 1959, 203)

Die Wissenschaft, die sich mit den allgemeinen Eigenschaften von Systemen beschäftigt, ist die Systemtheorie. Eine Konsequenz der Erkenntnisse der Systemtheorie ist die These von der Universalität der Intelligenz: "Es gibt keinen Grund, das intelligente Bewußtsein eines Infusoriums, einer Pflanze, eines Makromoleküls für konfuser oder ungenauer zu halten als die Intelligenz eines Menschen, ..." (RUYER 1977, 59)

In bezug auf die "Intelligenz" geographischer Systeme meint dazu ARMAND (1972, 148):

"Selbst der unbefangene Beobachter kann sich des Eindrucks nichts erwehren, daß solch geregeltes Verhalten, wie es die angeführten Beispiele zeigen, von einem Programm gesteuert werden muß, das die Reihenfolge der Vorgänge bestimmt. Da Flußsysteme, Gletscher oder Waldgebiete keine Programmspeicher im technischen Sinne besitzen, kann das Programm nur in der Struktur dieser Systeme selbst begründet sein."

"Jedenfalls können wir heute schon in der präbiotischen Phase, noch vor der Entstehung der ersten Zellen, von Materiesystemen sprechen, die Stoffwechsel besitzen, sich selbst reproduzieren, durch Mutation evolvieren und sich im Wettbewerb gegen andere durchzusetzen vermögen. (Hervorhebung d. Verfasser) Wer hätte das noch vor kurzem zu behaupten gewagt? Die erwähnten Eigenschaften - vor allem ihre Kombination - wurde ja geradezu einerDefinition des Lebens zugrundegelegt." (JANTSCH 1979, 154)

"Die Verwandtschaft in der Selbstorganisations-Dynamik materieller und energetischer Prozesse auf vielen Ebenen, von der Chemie über die Biologie zur Soziobiologie und darüber hinaus, deutet darauf hin, daß es zumindest in diesem sehr weit gespannten Bereich eine allgemeine dynamische Systemtheorie geben dürfte ... Wenn aber, was noch im einzelnen zu diskutieren sein wird, diese Grundform autokatalytischer Selbstorganisations-Dynamik beobachtbaren Phänomenen in einem so weiten Bereich zugrunde liegt, handelt es sich nicht mehr nur um Analogie oder formale Ähnlichkeit, sondern um echte Homologie oder innere Wesensverwandtschaft." (a. a. O., 94)

Die astrologische Grundüberzeugung: "Wie oben, so unten", drückt nur in gleichnishafter Sprache aus, was in der Systemtheorie als Homologie der Systemeigenschaften auf unterschiedlichen Ebenen bezeichnet wird, wobei ja kosmisches Geschehen ausdrücklich mit einbezogen ist (siehe JANTSCH, op. cit., sowie LANDSCHEIDT 1984). Wenn man von der Formulierung von RING ausgeht, daß die (Planeten-) Symbole in der Astrologie "Grundprinzipien des Lebens schlechthin" repräsentieren, könnte man angesichts der Erkenntnisse der Systemtheorie folgendes postulieren: Die Symbole der Astrologie repräsentieren, in der Sprache der Systemtheorie ausgedrückt, "System-Eigenschaften" selbstorganisierender Systeme. Solche System-Eigenschaften sind, wie bereits bemerkt, "Naturgesetze", denn sie beschreiben die "Neigung der Natur", sich bei gegebenen Randbedingungen in einer bestimmten Weise zu verhalten. Es sind jedoch Gesetze, die zu den uns bekannten Gesetzen hinzukommen, da sie eigenständige Gesetze des Verhaltens von Systemen darstellen: "Die klassische Form einer Prozeßgesetzlichkeit ist die Differentialgleichung. Die Gesetze der ungeordneten Gesamtheiten (Hervorhebung d. Verf.) gründen sich auf die Wahrscheinlichkeitslehre. Die Gesetze der geordneten Gesamtheiten (Hervorhebung d. Verf.) sind ihrem Wesen nach Systemgesetze." (BERTALANFFY 1970) Und diese Eigenschaften sind "empirische Tatsachen" (auf empirischem Wege gefunden), wie die anderen Naturgesetze auch (a. a. O.).

Der Gewinn der Erkenntnisse der Systemtheorie für die Astrologie liegt also in der Bestätigung der astrologischen These, daß es sinnvoll und angemessen ist, von solchen übergreifenden Eigenschaften von Organismen (und analogen Systemen) zu sprechen.

Die Systemtheorie bietet damit der Astrologie einen Rahmen, zumindest ein "Vokabular", in dem die sonst aus wissenschaftlicher Sicht obskur erscheinenden ("zusammengewürfelten" *96) Bedeutungen der astrologischen Symbole eine nicht mehr "nur" intuitiv nachvollziehbare sondern empirisch belegbare Entsprechung in der Realität erhalten *97. Astrologie ist also "denkbarer" geworden, da sie nicht mehr als "im Widerspruch stehend zu allem, was wir von der Natur wissen", aufgefaßt werden muß - zumindest ihre Konzepte der Einteilung der Realität erscheinen plötzlich als sehr "modern". Damit ist noch nicht gesagt, daß die Bedeutungen der astrologischen Symbole auch tatsächlich in Zusammenhang stehen mit den Positionen der Planeten in unserem Sonnensystem (den "Trägern" dieser Bedeutungen). Es gibt jetzt aber zu der Einheit, die diese Symbole darzustellen beanspruchen, einen empirisch abgesicherten einheitlichen Bereich der Realität: selbstorganisierende Systeme.

Astrologie ist ein altes Menschheitswissen, das nicht deshalb abgelehnt wird, weil es Zusammenhänge behauptet, die nicht bestehen, sondern weil sie Zusammenhänge behauptet, "die nicht bestehen können"(siehe Kapitel 1). Schon ihre Begriffsbildungen und die Art ihres Vorgehens erscheinen obskur. Die Systemtheorie und ihr "unverdächtigeres" Vokabular erlauben es heute Wissenschaftlern wieder, über Astrologie zu sprechen. Daß Systeme als solche bestimmte Eigenschaften haben, läßt die Behauptungen der Astrologie nicht mehr als so abwegig erscheinen, wie sie es in den Augen vieler Wissenschaftler bis heute sind. Umgekehrt helfen uns die Modelle und Erkenntnisse der Systemtheorie aber auch, die Astrologie besser zu verstehen. Denn worauf Astrologie basiert, welche Art Zusammenhang der Kosmos-Bios-Zusammenhang denn sei, diese Frage können Astrologen bisher auch nicht beantworten. (Siehe "Thesenpapier astrologischer Vereinigungen".)

Systemtheorie hilft uns bei der Formulierung der Frage, was Astrologie denn ist und über welche Ebene der Realität sie eigentlich Aussagen zu machen imstande ist. In diesem Sinne kann Systemtheorie einen "erkenntnistheoretischen Rahmen" für die Astrologie abgeben. Dieser Rahmen ermöglicht auch eine Prüfung des Anspruchs der Astrologie auf eine konsequentere, dem Gegenstand angemessenere Art, als es bisher möglich war. Denn eine Prüfung der Astrologie wird, wenn sie angemessen sein soll, davon abhängen, "als was" der Zusammenhang, den die Astrologie behauptet, angesehen werden soll; anders ausgedrückt: Von welcher Natur der von der Astrologie behauptete Zusammenhang ist. Die Natur des Zusammenhangs in Gleichnissen zu beschreiben, ist hilfreich, um ihn plausibel erscheinen zu lassen. Für eine Prüfung des Anspruchs der Astrologie sind präzisere Formulierungen hilfreicher, und solche Formulierungen könnte die Systemtheorie bieten.

 

 

 

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